Propstei St. Patrokli

Gründung des Doms und des Kollegiatstifts

Westlich der Petrikirche sind heute noch Reste einer Erzbischöflichen Pfalz aus der Zeit um 960 sichtbar.

Rund 160 Jahre nach Karl schenkte der Kölner Erzbischof Brun (heute: Bruno), der Bruder Kaiser Ottos des Großen, im Jahr 964 die Reliquien des Heiligen Patroklus aus Troyes [St. Patroklus in Wikipedia] an Soest. In seinem Testament verfügte Bruno die Gründung eines Kollegiatstiftes im Jahr 965. Zur Errichtung einer Stiftskirche stellte er die Summe von von einhundert Pfund Silber, außerdem Gefäße, Decken, Gewänder, Teppiche und Liegenschaften zur Verfügung.

Die Initiative Brunos zeigt, wie wichtig ihm die örtliche Lage und politische Bedeutung von Soest war.

Zur gleichen Zeit wie der Neubau der Soester Stiftskirche entstand nach einem Brand der Wiederaufbau der Kölner Pantaleonskirche im Jahr 966. Sie wurde nach seinem Tod Grabeskirche der Gebeine Brunos und später Kaiserin Theophanus. Die Soester Stiftskirche war zur Zeit Ihrer Entstehung baulicher Zwilling des Kölner Gotteshauses. In St. Pantaleon ist seit 1962 wieder eine flache Decke des Hauptschiffes – wie sie ursprünglich in Soest auch war - zu finden. Die ursprünglichen Obergaden (heute zugemauerten Fensterreihen im 1. Obergeschoss) hatten ein ähnliches Erscheinungsbild wie das der Soester Stiftskirche.

Abb. 1: Grundriss um 1120

So handelt es sich um einen einschiffigen flach gedeckten Saalbau mit weit ausladendem Querschiff. Die Apsis grenzt unmittelbar an das Querschiff an, das Querschiff besitzt keine Nebenapsiden. In seiner wenig gegliederten Bauart erinnert der ursprüngliche Hallenbau an die älteren Kaisersääle.

Über den gestrichelten Linien im unteren Teil des Grundrisses befand sich der westliche Turm mit quadratischem Grundriss. Die schwarzen Blöcke vor der Westfassade(unten) kennzeichnen zwei außen angebaute Treppenanlagen. Ein Mittelpfeiler im Zentrum des Westwerks wurde nach einem Brand während der Bauzeit ergänzt.

Von diesem ursprünglichen Bauwerk erkennt man von außen noch heute die Spuren, die sich in den zugemauerten Fenstern und dem Wechsel der Mauerung in den Obergaden zeigen.

Im Laufe der nächsten 200 Jahre wurde an der Stiftskirche kontinuierlich weitergebaut. So wurden die Seitenschiffe (in der Zeichnung hell), das vorgesetzte Westwerk mit den Kolonnaden und der Anbau der Westapsis (Marienchor) am nördlichen Querschiff vollendet. Die Decken der Seitenschiffe wurden als Gewölbe ausgebildet.

Erst im Jahr 1118, mit Vollendung dieser Ergänzungen vollzog der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel die Hauptweihe der nun zu einer stattlichen Größe herangewachsenen Stiftskirche.

Eine weitere große Baumaßnahme war die Einwölbung des Hauptschiffes im 12. Jahrhundert. Da immerhin 12 Meter zu überwinden waren, stelle dies eine statisch anspruchsvolle Maßnahme dar. In dieser Zeit wurde der Chorraum verlängert Die Apsis wurde in Form einer Viertelkugel ausgebildet. und die Kirche erhielt eine große Krypta im Bereich der neuen Apsis und unter der gesamten Vierung (gestrichelt). Das Querhaus und die Vierung wurden nun wie das Hauptschiff eingewölbt.

Abb. 2: Westwerk heute

Der Turm ruht nun auf den in 2 x 2 Achsen angeordneten neun tragenden Säulen. Die Außenwände des Westwerks sind zweigeschossig mit großen Geschosshöhen. Sie sind heute mit einem ¾ umlaufenden Pultdach an die Turmwände angebunden. Diese Ausführung verleiht dem Westwerk ein einzigartiges Aussehen und betont die Mächtigkeit des Turmes, der sich aus dem breiten Sockel erhebt.

Über Jahrhunderte war unklar, in welcher Zeit der Turm in seiner jetzigen Form errichtet wurde. Erst neuzeitliche Untersuchungen der Wachstumsringe im Gebälk ergaben, dass der Turm schon in der Zeit um 1180 die heutige Form hatte.

Das Tragwerk des Turms wurde über die Jahrhunderte immer wieder repariert und ergänzt (Abb. 3 unten: in unterschiedlichen Farben dargestellt). Dies führte zu der Kuriosität, dass seine Konstruktion statisch unbestimmt schien. Ein Nachweis der Standfestigkeit konnte über lange Zeit nicht geführt werden. Erst neuere Untersuchungen konnten die statische Festigkeit nachweisen. Auf diese Weise konnte die Konstruktion des Turms als Baudenkmal erhalten bleiben.

Abb. 3: Tragwerk

Nicht eindeutig nachvollziehbar ist der Zeitpunkt, zu dem eine profane Nutzung des Turmes im 1. OG eintrat und wie es zum Eigentum der Stadt Soest kam. In der „Soester Fehde“ (1444 bis 1449) emanzipierten sich die Soester Bürger gegenüber dem Kölner Erzbischof und konnten dessen Herrschaft abschütteln. Etwa zu dieser Zeit muss es einen Eigentumsübergang von Turm, Schiff und Querhaus an die Stadt gegeben haben. Später, zur Reformation wurden alle Kirchengemeinden in der Stadt – bis auf St. Patrokli - evangelisch.

Das Gotteshaus wäre nicht so erhalten geblieben wie wir es heute kennen, wenn nicht schon in dieser Zeit immer wieder Erhaltungsbemühungen der Zeitzeugen erfolgt wären. Ein Beispiel ist ein Bittschreiben aus dem 18. Jahrhundert.

Zerstörung und Wiederaufbau

Abb. 8: Zerstörungen im 2. Weltkrieg

Das nunmehr fast 1000 Jahre alte Gotteshaus wurde am 5. Dezember 1944 bei einem Luftangriff schwer getroffen. Trotz der Schäden an Gewölbe und Orgel war es noch möglich, Gottesdienste abzuhalten. Am 28. Februar 1945 durchschlugen die Bomben bei einem weiteren Fliegerangriff das Gewölbe und zerstörten den restlichen Teil der Orgel. Schließlich zerstört am 7. März 1945 eine Bombe das Fundament der Südseite, wodurch der Hauptchor bis zur Hälfte des Chorquadrats einstürzte. Danach waren keine Gottesdienste mehr möglich.

Die Bombenschäden waren so groß, dass der Soester Architekt Heinrich Schäfer mit der Wiederherstellung beauftragt wurde.

Die Planung der Wiederaufbauarbeiten wurde unter seiner Leistung zügig aufgenommen, so dass schon am 9. Juni 1946 der Grundstein der neuen Apsis gelegt werden konnte. Unter handfestem Einsatz der Katholischen Vereine wurden die Erd- und Steinmassen aus der Krypta bis zum 11. Juli 1947 beseitigt.

Unter weiterem Einsatz Freiwilliger und von Fachunternehmen konnte am 1. Mai 1948 im teilweise wiederhergestellten Dom in einer Feierstunde den Mitwirkenden und Helfern für ihren Einsatz gedankt werden. Ab dem 2. Mai fanden nun wieder regelmäßige Sonntags-Gottesdienste statt. An Wochentagen feierte die Gemeinde wegen der noch unvollendeten Restarbeiten im Dom ihre Gottesdienste in der Nicolai-Kapelle. Nach der feierlichen Übertragung des Reliquienschreins des Heiligen Patroklus in den Dom konnte am 5. Juli 1948 die Weihe des neuen Hochaltars gefeiert werden. Zu dieser Zeit war allerdings die Nordwand des Westwerks noch in Trümmern und die Heizung nicht funktionsfähig. Erst am 14.12.1948 konnte die Heizung wieder in Betrieb genommen werden. Mehr als 2 weitere Jahre dauerte es, die Wiederherstellung der Nordwand und des Seitenschiffes am 10. März 1951 abzuschließen. Die Bausubstanz war damit weitgehend wiederhergestellt. Die Einrichtung und Ausstattung des Domes konnte erst in den folgenden Jahren erneuert oder rekonstruiert werden.

Die Feier der Gottesdienste konnte also schon 15 Monate nach der Zerstörung aufgenommen werden. Die Vollendung der Bausubstanz benötigte drei weitere Jahre. Diese Leistung war nur der respektablen Leistung aller Beteiligter zu verdanken.

Erneuerung und Wiederherstellung der Innenausstattung

Abb. 9: neu gestaltete Apsis

Nach der Wiederherstellung malte der Künstler Prof. Peter Hecker in der Zeit von 1949-1950 die Apsis in Anlehnung an die Vorbilder aus der Vorkriegszeit neu aus. Ansonsten stellte sich der Dom in diesem Zustand noch recht schmucklos dar: Es fehlte die farbliche Gestaltung und Ausmalung des gesamten Innenraumes, die nur in Fragmenten erhalten geblieben war. Die wertvollen Fenster waren nur noch teilweise erhalten, die Orgel war ein geliehenes Instrument der Firma Feith aus Paderborn. Das Geläut war unvollständig, bzw. so stark geschädigt, dass es nur eingeschränkt die Gläubigen zum Gottesdienst rufen konnte.

Fenster-Überblick

Die heute im Kirchenraum sichtbaren Fenster wurden von den Künstlern Heinrich Aldegrever (1502-1561), Joseph Osterrath, Wilhelm Buschulte (Unna, 1977-1981), Hans Kaiser (Soest, 1958-1977) und Hubert Spierling (Krefeld, 2005) geschaffen.

Abb. 10: Fenster


Heute geben besonders an hellen und sonnigen Tagen die farbigen Fenster dem Innenraum des Domes eine ganz besondere Atmosphäre. Die Tageslichtwirkung im Inneren des Raumes lenkt den Blick auf die Fenster, die zur bildhaften Darstellung von Gedanken des Glaubens geschaffen sind.

Abb. 11: Fenster heute

Das Bild zeigt das Farbenspiel des Mittagslichtes, das durch die hier von Wilhelm Buschulte geschaffenen Fenster der Obergaden ins Mittelschiff projiziert wird:

In seiner mehr als 1000-jährigen Geschichte besaß der Dom viele Generationen von Fenstern, die wegen Umgestaltung der Formen von Fensterdurchbrüchen oder auf Grund von Zerstörung und Verwitterung immer wieder ersetzt oder verändert werden mussten. Zuletzt zerstörten die Bomben des 2. Weltkriegs mittelalterliche Fenster des Hochchores und des nördlichen Seitenchores (Marienchores).

Durch glückliche Umstände sind einige der ursprünglichen Fenster erhalten geblieben und konnten restauriert werden. Die ältesten sind im Dommuseum ausgestellt und werden im Kapitel „Dommuseum“ beschrieben.

Zu den einzelnen Fenstern:


Wir beginnen den Rundgang in der Turmhalle. Mit Blick auf den Altar sehen wir links die Fenster des nördlichen Seitenschiffs. 

Die geometrischen Fenster wurden von Wilhelm Buschulte entworfen und sind monochrom gehalten. Farbschattierungen ergeben sich bei diesen Fenstern aus dem Lichteinfall und dem durchscheinenden Hintergrund.

nördliches Seitenschiff:

weiter: südliches Seitenschiff


Unseren Rundgang setzen wir im gegenüberliegenden Seitenschiff fort. Dort beginnen wir von der Altarseite aus.

Die geometrischen Fenster wurden von Wilhelm Buschulte entworfen und sind monochrom gehalten. Farbschattierungen ergeben sich bei diesen Fenstern aus dem Lichteinfall und dem durchscheinenden Hintergrund.

südliches Seitenschiff

 


Soweit sie gegenständlich sind, beziehen sich die Fenster auf biblische Texte. Zum Verständnis der Darstellungen empfehlen wir, aus dem Regal ein "Gotteslob" - Katholisches Gebet- und Gesangbuch zur Hand zu nehmen. Die Texte sind unter (GL. Nr. ...) zu finden.

Bitte nicht vergessen, das "Gotteslob" nach dem Rundgang zurückzulegen.

Nun gehen wir im südlichen Seitenschiff zurück Richtung Altar, bis etwa in Höhe des Behindertenzugangs. Blicken wir hinüber nach oben, sehen wir die beiden großen Fenster der nördlichen Obergade.

Nördliche Obergade
Schöpfungspsalm
Das Fenster beschreibt bildlich den Psalm 104
(Gotteslob (GL) Nr. 58)

Gericht
Das Fenster beschreibt bildlich die Psalmen 2.9 (GL Nr. 32), 11.6, 49.12, 68.3 und 83
 


Wir begeben uns nun unter das "Gerichtsfenster" und drehen uns um. Wenn wir den Blick nach oben wenden, sehen wir die vier Fenster der südlichen Obergade. Die Beschreibungen erfolgen in der Reihenfolge von links nach rechts, also von der Altarseite zus Orgelempore.

Südliche Obergade
Leiden
Ps. 22, 17-19 (GL. 36.3)
Ps. 50, 1-3
Ps. 74, 4-7
Ps. 144, 5-8
Errettung
Ps. 57, 9-11 (GL 649.11-13)
Ps. 77, 20-21
Ps. 80, 9-12 (GL. 48.9-12)
Ps. 91, 1-13 (GL. 664.6-12)
Ps. 99,7
Ps. 124,7
Turmbau zu Babel
1. Mos. 11, 5-7
die Sprachverwirrung
Traum Jakobs
1. Mos. 28, 10-12
die Himmelsleiter der Engel

Wir begeben uns nun in das nördliche Seitenschiff nach vorn bis zum Querschiff. Dort bis zur Nebenapsis, dem Marienchor, drehen uns um und blicken nach oben. Hier finden wir drei weitere Fenster, die ebenfalls von Wilhelm Buschulte entworfen sind.

Schutz der Erde
Offenb. 7, 1-3
 Michael streitet wider den Drachen
Offenb. 12, 7-12
 Engel mit Büchlein
Offenb. 10, 1-7

Wir stehen jetzt vor dem Marienchor. Seinen mittelalterlichen Wandmalereien und seinen Fenstern ist ihm ein [eigenes Kapitel] gewidmet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Als Nächstes wenden wir uns den Fenstern des Hauptchores zu. Da das Betreten des Altarbereiches nicht erlaubt ist, können wir die Fenster leider nur aus der Ferne betrachten. Zwei seitliche Fenster sind von hier aus nicht zu sehen, sie werden aber hier beschrieben:

seitliche Chorfenster
nördliches Chorfenster:
monochrome Geometrie
südliches Chorfenster:
monochrome Geometrie

Die unterschiedliche Helligkeit ergibt sich aus dem Lichteinfall von Norden und von Süden.

Altarkreuz

Abb. 11: Altarkreuz

Das 2,12 m hohe Altarkreuz aus der Zeit um 1400 ist auf der Vorderseite geschnitzt, auf der Rückseite gemalt. Die Bilder auf den quadratischen Enden der Kreuzbalken der Vorderseite stellen Evangelisten dar. Die Rückseite zeigt ein ebenfalls in rötlichen Farben gehaltenen Gemälde des Gekreuzigten vom Maler Conrad von Soest.

 

 

Das Kollegiatstift

Am ehesten beschrieb die "Statuta insignis archidiaconalis ecclesiae sancti Patrocli" aus dem 16. Jahrhundert (zur Zeit der Reformation) die Führung des Kollegiatstifts.

Ein Propst wurde damals vom Soester Kapitel aus dem Kreis des Kölner Domkapitels gewählt. Er residierte in Köln, vertrat das Stift nach außen und ließ Stipendien an die Kanoniker des Stiftes verteilen. Ein Dechant leitete das Kollegiatstift im Innenverhältnis und ernannte die Vikare. Der Dechant durfte allenfalls alle 4 Wochen das Stift verlassen. Neben der geistlichen Aufsicht über die Soester Pfarreien erweiterte sich im Laufe der Jahre seine Zuständigkeit zum Landdechanten für die Gemeinden zwischen Lippe und Möhne, von Werl bis Geseke.

Die Kanoniker lebten von Zinsen und Pachtabgaben aus dem Eigentum des Kollegiatstifts. In erster Linie nahmen sie liturgische und seelsorgerische Aufgaben wahr. Daneben waren sie als Lehrer tätig und besuchten auswärtige Universitäten. Ihr regelmäßiger Wohnsitz verteilte sich auf Stiftskurien: Häuser aus dem Eigentum des Stifts, die im Stadtgebiet von Soest verteilt sind.

Beispiel einer Stiftskurie

Beispiel einer Stiftskurie am Vreithof

Die Kanoniker lebten als Priester und Diakone in einer klosterähnlichen Gemeinschaft. Im Gegensatz zu den Regeln des Klosterlebens konnten sie jedoch ihr Vermögen behalten und selbstbestimmt jederzeit aus der Gemeinschaft austreten. 

Ab der Übernahme des Eigentums an Turm, Schiff und Querschiff zur Zeit der Soester Fehde nutzte die Stadt mindestens den Bereich des heutigen Dommuseums ausschließlich für eigene – profane - Zwecke. Nur die Apsis und der Chorraum verblieben im Eigentum des Stifts. Dort, wo sich im Westwerk heute das Dommuseum befindet, hatte die Stadt Soest ihre Rüstkammer und verwahrte dort ihre Waffen. Über 40.000 Armbrustbolzen befanden sich in ihrem Arsenal.

Erst 1797 konnten die Eigentumsverhältnisse wieder vereint werden, als das Stift der Stadt den Turm und das Schiff abkaufen konnte. Die Geschosse verblieben dort allerdings noch bis 1884. Bis heute jedoch gilt noch ein Wegerecht der Stadt durch die „Passe“: Sie hat also ein Wegerecht durch das Querschiff von Nord nach Süd und umgekehrt.

Abb. 4: Freiherr von Ledebur

Der letzte Stiftspropst im alten Sinne war Freiherr Friedrich Clemens von Ledebur. Er wurde durch Friedrich Wilhelm III., König von Preußen am 8.11.1804 zum Propst von Soest und zum Kanoniker zu Hildesheim ernannt. Bemerkenswert ist, dass er in dieser Zeit nur zum Subdiakon geweiht, also kein Priester war. Seine Amtszeit dauerte bis 1811. Erst Jahre später, also 1826, empfing er zu seiner Ernennung zum Bischof von Paderborn die Prieserweihe.

Die Französische Revolution und die Eroberung Westfalens durch die napoleonischen Truppen brachte es mit sich, dass auch hier das Kanonikerstift am 15. Juli 1811 aufgelöst wurde.

 

Veräußerung der Besitztümer des Kollegiatstifts

Abb. 5: W. Siebigk (ca. 1935): Stiftskurien (gelb) im Stadtplan von Soest des 19. Jhdts.

Die kirchlichen Immobilien, Gebäude, auch die Stiftskurien, also die Wohnhäuser der Kleriker (in Abb. oben gelb dargestellt) wurden größtenteils enteignet oder verkauft.

Abb. 6: Sigefridus-Schrein

 

Die Verkäufe aus der nun eingetretenen wirtschaftlichen Not des Stiftes erstreckten sich nicht nur auf Immobilien sondern auch auf wertvolles Inventar, das sich über Jahrhunderte angesammelt hatte. So ist auch zu erklären, dass das Stift den wertvollen, von Meister Sigefridus geschaffenen Patroklus-Schrein aus dem 14. Jahrhundert für 3021 Taler an die preußische Münze verkaufen musste, um dringende Reparaturarbeiten am Kirchenbau ausführen zu lassen. (Abb. 6, oben) Dort erkannte man den unschätzbaren Wert des Reliquienschreins und bildete mit ihm den Grundstock der Preußischen Skulpturensammlung in Berlin.

In den Wirren nach dem 2. Weltkrieg verschwand der Schrein aus dem Depot im Flakbunker Friedrichshain. Von den 16 silbernen Figuren, die das Kunstwerk schmückten, müssen mindestens acht als endgültig verschollen gelten.

Trotz der großen Verluste, die da Stift in diesen Zeiten erlitt, können heute noch Kultgegenstände aus seiner Zeit im Dommuseum besichtigt werden.

Geschichte des Kollegiatstifts in Zahlen:

 

um 780

Bau der ersten Petrikirche als Missionskirche

836

Erste urkundliche Erwähnung von Soest

954

Gründungsbau des Patroklistiftes durch Erzbischof Bruno von Köln

964

Überführung der Reliquien des Märtyrers Patroklus aus Troyes (Frankreich) nach Soest, Gründung des St. Patroklidomes

12. - 14. Jahrhundert

Höchste Blütezeit der Stiftes; 54 Pfarreien gehören dem Stift an. Geistliche und weltliche Gerichtsbarkeit durch den Propst, der als Vertreter des Kölner Erzbischofs dem Stift vorsteht. Soest ist (mit ca. 10.000 Einwohnern) größte Stadt Westfalens und führende Hansestadt.

1417

Erste schriftliche Erwähnung der Allerheiligenkirmes

1444

In der "Soester Fehde" löst die Stadt Soest sich aus der Herrschaft der Kölner Erzbischöfe. Spannung zwischen Stadt und Stift, weil dieses sich auf die Seite der Kölner Erzbischöfe stellt.

1531

Beginn der Reformation in Soest. Die Stiftsherren weigern sich, die neue Glaubenslehre anzunehmen und verlassen die Stadt, ein Teil des Patroklidomes wird evangelisch.

1548

Dechant Johannes Gropper führt die katholische Lehre wieder ein, die Stiftsherren kehren nach Soest zurück, ihnen gehört der Ostteil des Doms bis 1812.

1811

Auflösung des Stiftes durch Reichsdeputationshauptschluss

1823

St. Patrokli wird rechtlich Pfarrgemeinde, der Dom Pfarrkirche und dem Bistum Paderborn zugeordnet.

1859

Wiedererhebung zur Propsteikirche; Eberhard Nübel wird der erste Propst als Pfarrer.

 

 

Krypta

Die Krypta steht während der allgemeinen Öffnungszeiten des Doms zur Besichtigung offen. Während der Gottesdienste, der stillen Anbetungen und den Zeiten zur Beichtgelegenheit in der Krypta ist das Betreten nur zur Teilnahme gestattet.

Seit dem 12. Jahrhundert besitzt der St. Patrokli Dom eine große Krypta, die sich ursprünglich von der Apsis bis zu ihrer Vierung erstreckte. Eine zweite, kleinere Krypta liegt unter der Sakristei südlich des Chorraumes.

Nach dem Niedergang des Kollegiatstiftes wurde sie im Jahr 1817 der Bereich der Krypta, der in der Vierung lag „gesprengt“, das heißt, der Chorraum wurde auf das umliegende Niveau eingeebnet und der Hohlraum verschüttet. Die Originalsäulen, Gewölbeteile und sonstiges Baumaterial der Krypta verblieben als Verfüllungsmaterial an ihrem ursprünglichen Ort.

Es bedurfte eines weiteren schicksalhaften Ereignisses, als im Jahr 1945 die Apsis durch Bombeneinwirkung zerstört wurde. Beim Wiederaufbau nahm der Architekt Heinrich Schäfer die urspüngliche Form wieder auf und konnte an Hand der wiedergefundenen Fragmente und Fundamente die Krypta in ihrer ursprünglichen Form rekonstruieren.

Abb. 13: Grundriss Krypta

Abb. 14: Schnitt Krypta

Abb. 13 und 14 (oben) zeigen Grundriss und Schnitt eines Rekonstruktionsentwurfs von Chorraum und Krypten. Heute stellt die Krypta einen besonderen Raum stiller Spiritualität dar. Ihre Dimensionen und die Innengestaltung mit dem Altar und Tabernakel des Bildhauers Michael Düchting und den Fenstern von Hans Kaiser laden zu einer besonders intimen Form des Gebets und der Feier von Gottesdiensten ein.

Abb. 15: Krypta heute

 

Zum Verständnis des Tabernakels und des Altares in der Krypta

Verständnisgrundlage für Altar und Tabernakel in der Krypta ist das Bild, das der Seher in der Johannes-Offenbarung beschreibt: „Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen mit den sieben letzten Plagen getragen hatten. Es sagte zu mir: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Frau des Lammes. Da entrückte er mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes ... Im Osten hat die Stadt drei Tore und im Norden drei Tore und im Süden drei Tore und im Westen drei Tore. ...Und der Engel, der zu mir sprach, hatte einen goldenen Messstab, mit dem die Stadt, die Tore und ihre Mauer gemessen wurden. Die Stadt war viereckig angelegt und ebenso lang wie breit. Er maß die Stadt mit dem Messstab; ihre Länge, Breite und Höhe sind gleich: zwölftausend Stadien. ... Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.“

Wer Tabernakel und Altar aufmerksam betrachtet, findet ohne Mühe alles Wichtige aus dieser Vision wieder. Der Verfasser des letzten Buches der Bibel greift seinerseits zurück auf eine lange Überlieferung aus Israel.

Am Beginn steht das „Heilige Zelt“, das die Israeliten auf ihrer Wüstenwanderung mit sich führten. Dieses Zelt galt als Ort der Begegnung mit Gott, als „Bundeszelt“. Der hintere Teil des Zeltes war durch einen Vorhang abgeteilt, er galt als das „Allerheiligste“, denn dort wurde die Bundeslade aufbewahrt. Die Bundeslade betrachtete man als Thronsitz des unsichtbar gegenwärtigen Gottes. Wichtig: die Form des Zeltes war Mose in einer Vision gezeigt worden – er durfte dabei das Urbild des Zeltes im Himmel schauen, so daß schon Israels „Heiliges Zelt“ als Abbild des himmlischen Urbildes galt. Und noch wichtiger: das „Allerheiligste“ hatte sowohl im himmlischen Urbild als auch im irdischen „Heiligen Zelt“ die Gestalt eines Würfels bzw. eines Kubus – war also gleich lang, breit und hoch.

Als nach der Wüstenwanderung das Volk Israel sesshaft und Jerusalem die Hauptstadt geworden war, ließ König Salomon um 950 v. Chr. dort einen Tempel bauen – nach dem Vorbild des „Heiligen Zeltes“. Wieder war das „Allerheiligste“ ein Raum von gleicher Länge, Breit und Höhe, in dem die Bundeslade stand. Dieser Tempel wurde 586 v. Chr. von den Babyloniern zerstört. In der darauf folgenden berühmten „Babylonischen Gefangenschaft“ schaut der Prophet Ezechiel in einer Vision wiederum „im Himmel“ einen neuen Tempel mit den gleichen Merkmalen, die der Tempel Salomons gehabt hatte.

Nach der Rückkehr aus der Babylonischen Gefangenschaft konnte das Volk Israel den Tempel in Jerusalem nur recht notdürftig wiederaufbauen. Erst der berüchtigte König Herodes d.Gr. ließ einen Tempel in unerhörtem Glanz erbauen. Auch in diesem Tempel war das „Allerheiligste“ ein kubischer Raum – gleich lang, gleich breit und hoch -, abgetrennt durch einen Vorhang, völlig dunkel. Nur der Hohepriester durfte diesen Raum einmal jährlich betreten.

Jener herodianische Tempel stand zur Zeit Jesu. Er hat dort oft gelehrt. Bei Jesu Tod – so schreiben die Evangelien – zerreist der Vorhang vor dem Allerheiligsten, damit wird das Ende des Alten Bundes angezeigt. Im Sterben und Auferstehen Jesu schließt Gott einen Neuen Bund mit der ganzen Menschheit.

Jesu Sterben und Auferstehen wird – nach Seinen eigenen Worten im Abendmahlssaal – gegenwärtig im Sakrament der Eucharistie. Als dann im Laufe der Jahrhunderte die Christen darangingen, dieses sakramentale Zeichen des eucharistischen Brotes auch außerhalb der Meßfeier aufzubewahren, nannten sie es das „Allerheiligste“. Nun ist also das „Allerheiligste“ nicht mehr ein bestimmter Raum, sondern eine Person: Jesus Christus. Das Behältnis in dem das „Allerheiligste“ aufbewahrt wird, nannte man wieder „Zelt“, lateinisch „Tabernaculum“ = „Tabernakel“.

In der äußeren Gestalt des neuen Krypta-Tabernakels ist also uralte biblische Überlieferung aufgenommen: das Bild des „himmlischen Tempels“ bzw. des „himmlischen Jerusalem“, wie es beschrieben wird von Mose bis zur Offenbarung des Johannes: Länge, Breite und Höhe sind gleich, und aus dem Inneren dringt gleichsam das Licht durch die zwölf Tore, denn „ihre Leuchte ist das Lamm“.

Auch der Altar hat die Gestalt des Kubus. Auf ihm wandelt Gott ein Stück unserer Welt – das Brot und den Wein – in das Geheimnis der Gegenwart Jesu Christi. Himmel und Erde berühren sich hier – dargestellt in den goldenen Quadraten auf den Flächen. Auf vielen Bildern des Mittelalters kann man sehen, daß Gold in der Tradition als Farbe des Himmels, des Überirdischen gilt. Der Stein des Altares ist ein Stück unserer Erde.

Von Mose bis heute haben alle diese Bilder den gleichen Sinn: uns Menschen hinzuführen zu Dem, der in kein Bild zu fassen ist, zu Gott. Und Gott selber ist gegenwärtig in jenem Scheibchen Brot, für das jeder Tabernakel die Hülle bildet.

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