Islam als Dialogmodell zwischen Gott und den Menschen

Prof. Mouhanad Khorchide referierte im krachvollen Groppersaal

Soest, 26.10.2015. Den Koran kann man entweder wörtlich nehmen, als Sammlung von rund 6000 Versen, deren Regeln buchstabengetreu zu befolgen sind. Oder man kann ihn als Text begreifen, der dem Menschen helfen soll, ein sinnvolles, gerechtes Leben zu führen, wobei der Text aus seiner jeweiligen Epoche, für den aktuellen Lebenshintergrund immer neu zu interpretieren ist.

Prof Mouhanad Khorchide vertrat in seinem Vortrag im Groppersaal am Montagabend die zweite Auffassung , erläuterte den über 200 Zuhörern die Hintergründe beider Lesarten und zeigte die erstaunlichen Gemeinsamkeiten zum Menschen- und Glaubensbild des Christentums auf. Khorchide sprach auf Einladung des St. Patrokli DomBauVereins und der Konrad-Adenauer-Stiftung. Gute Kontakte zur Konrad – Adenauer-Stiftung hatten es möglich gemacht, den Inhaber der Professur für Islamische Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms Universität zu Münster nach Soest zu holen.

„Wenn Sie in Saudi Arabien nach der Bedeutung des Wortes Sharia fragen, erhalten Sie komplett andere Antworten, als wenn Sie danach in Indonsien fragen. In Arabien dürfen Frauen nicht Auto fahren, Demokratie ist nicht vorstellbar, in Indonesien dagegen ist beides kein Problem."

Grund sei die sehr unterschiedliche Auslegung des Korans durch die Gelehrten. Die einen sehen darin eine Sammlung von wortgetreu zu verfolgenden Vorschriften, die anderen einen wandelbaren, auslegungsfähige, stets zu aktualisierenden Text. Bereits in den Anfängen des Islam habe ein und derselbe Gelehrte seine Anschauungen im Irak in Buchform veröffentlich, später in Kairo dieses Buch aber widerrufen. Der Grund: Die in dem irakischen Lehrbuch aufgestellten Regeln passten nicht nach Ägypten. Hinzu komme, so Khrochide, dass der Islam nicht ein absolutes Kirchenoberhaupt kenne, wie etwa die katholische Kirche. Diese Struktur lässt viele Strömungen und Auslegungen des Korans zu – eben auch die sehr buchstabengetreue, formalistische Auslegung, die der IS und auch die absolutistischen politischen Systeme im arabischen Raum bevorzugen. Während die auf Auslegung und Interpretation bedachten islamischen Gelehrten den Koran als dialogisches Modell zwischen Gott und den Menschen betrachten, lehnen die konservativen Moslems den Dialog per se ab. Das Dilemma: „Wenn ich mit einem Moslem kontrovers über die Koran-Auslegung interpretiere, dann ist darin schon ein Angriff auf dessen Position enthalten. Das aber können die konservativen Moslems aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht zulassen.“

So plädierte Khorchide für den Dialog des gemäßigten Islam mit der offenen deutschen Gesellschaft, und befürwortete den Prozess der Integration, der von gegenseitigem Respekt getragen werden müsse. Das Wort Sharia übersetzt Khorchide „als Weg zur Quelle, als Weg zu Gott.“ Gott könne es nicht um sich selbst gegangen sein, als er die Menschen erschuf, deswegen könne das enge, buchstabengetreue Verständnis des Korans nur dazu führen, dass Menschen Gott um seiner selbst willen verehrten und anbeteten. „Was wäre das für ein Gott, der so etwas braucht?“. Vielmehr habe Gott den Menschen mit den Lehren des Korans Möglichkeiten und Werkzeuge an die Hand geben wollen, selbst zu einem sinnvollen Leben zu gelangen. Dazu gehörten auch Freiheit und Verantwortung: „Der Mensch muss die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, sonst kann er für sein Tun keine Verantwortung übernehmen. Denn Gott würde ja ansonsten immer direkt eingreifen in das Handeln der Menschen und den Menschen die Verantwortung abnehmen.“ Dies könne nicht beabsichtigt gewesen sein, als Gott die Menschen erschuf.

Khorchide stimmte die Zuhörer so aufmerksam und nachdenklich, dass während seines Vortrags trotz des vollen Saals fast absolute Stille herrschte.

Khorchide gilt als einer der führenden islamischen Theologen in Deutschland. Er wurde 1971 in Beirut (Libabon) geboren, studierte Soziologie und Islamwissenschaften und hat eine Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Mit diesem Vortrag, und der anschließenden Diskussion setzte der St. Patrokli-DomBauVerein seine Tradition fort, wonach einmal jährlich ein externer Fachmann zu durchaus kontroversen gesellschaftsrelevanten Themen Stellung nimmt. „Einerseits kümmert sich der Verein um den Erhalt des 1000 Jahre alten Patroklidoms, andererseits suchen wir als weltoffene Bürger den gedanklichen Austausch zu spannenden zeitgemäßen Themen, die über den Tag hinausreichen“, erläutert dazu Ferdinand Kauerz-von Lackum, 1. Vorsitzender des Vereins. „Ich freue mich, dass wir Herrn Khorchide gewinnen konnten."

In den zurück liegenden Jahren hatten unter anderem  Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter von der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, Prälat Theodor Ahrens, ehem. Mitglied des Domkapitels in Paderborn oder der katholische Moraltheologe Prof. Dr. Peter Schallenberg referiert.

Stets handelte es sich um herausragende Vorträge, stets waren die Veranstaltungen sehr gut besucht. Kauerz-von Lackum: „Das war auch dieses Mal so. Der Islam und alle Themen drum herum haben eine hohe gesellschaftspolitische Bedeutung in unserem Land gewonnen. Das wird sich in den kommenden Jahrzehnten nicht ändern, damit haben wir uns auseinanderzusetzen, ganz egal, welcher Religion wir angehören.“